Unwettereinsätze

Uhr - Autor: Alexander Fink, Feuerwehr Ittlingen

Am Freitag, den 09. August 2019 um kurz nach 20:40 Uhr traf das Sturmtief „YAP“ die Gemeinde Ittlingen mit voller Wucht. Der erste Alarm mit dem Alarmstichwort „Sturmschaden Gebäude“ ging bereits um 20:47 Uhr bei der Feuerwehr ein. Nur drei Minuten später fuhr das vollbesetzte Tanklöschfahrzeug (TLF 16/25) die Einsatzstelle in der Hauptstraße an. Vor Ort wurden die Einsatzkräfte bereits erwartet: Teile zweier Kamine des betreffenden Wohnhauses stürzten in das Dach eines angebauten Wintergartens und richteten dort großen Schaden an. Auch das Wohnhausdach selbst erlitt schwere Schäden. Aufgrund der Wetterlage konnte das Dach vorerst nicht betreten werden, wodurch die benötigte Notreparatur auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden musste. Die Einsatztätigkeit der Feuerwehr beschränkte sich daher vorerst auf die Kontrolle des Wohnhauses, um einen Entstehungsbrand durch Blitzschlag auszuschließen. Hierzu kam ein Trupp unter Atemschutz zum Einsatz. Erst kurz vor Mitternacht ließen die Wetterbedingungen die Notreparatur des Daches zu. Um ein sicheres Arbeiten zu gewährleisten, kam hierbei die Drehleiter der Feuerwehr Eppingen zum Einsatz.

Parallel zum bereits laufenden Einsatz in der Hauptstraße gingen ständig weitere unwetterbedingte Alarmierungen bei der Feuerwehr ein, was dazu führte, dass im Feuerwehrgerätehaus ein Einsatzführungsstab gebildet wurde. Dieser erfasste die eingehenden Alarme und kategorisierte diese nach Dringlichkeit, um dann die zur Verfügung stehenden Einheiten zu den einzelnen Einsatzstellen zu disponieren. Gleichzeitig wurde der Mannschaftstransportwagen (MTW) als Führungsfahrzeug eingesetzt. Die Aufgabe der Besatzung war es, die gemeldeten Einsatzstellen anzufahren und sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Die Einschätzung der Dringlichkeit wurde dann per Funk an den Einsatzführungsstab ins Gerätehaus gemeldet. Auch Bürgermeister Kai Kohlenberger und sein Stellvertreter Karlfred Ebert machten sich noch in der Nacht ein Bild von den entstandenen Schäden.

Da viele weitere Gemeinden im Landkreis vom Unwetter betroffen waren, wurde von der Integrierten Leitstelle Heilbronn (ILS) um 20:59 Uhr der Unwettermodus ausgerufen. Das bedeutet, dass alle Gerätehäuser von da an ihre unwetterbedingten Einsätze nur noch per Fax von der Leitstelle erhalten und in Eigenregie abarbeiten. Ausschließlich zu zeitkritischen Einsätzen, wie beispielsweise Verkehrsunfällen mit Personenschaden oder Bränden, werden die Feuerwehren dann noch via Funkmeldeempfänger alarmiert.

Der wohl spektakulärste und langwierigste Einsatz des Abends sollte der Feuerwehr Ittlingen noch bevorstehen: Nachdem von der Besatzung des Löschgruppenfahrzeugs (LF 8/6) ein umgestürzter Baum zwischen Ittlingen und Richen entfernt wurde, fuhren diese auf dem Rückweg am Bahnübergang in Höhe des Bahnhofes vorbei. Mehrere PKW warteten an den verschlossenen Schranken. Nachdem sich diese nicht öffneten und auch kein Zug angefahren kam, ging man von einem Defekt der Schrankenanlage aus – bis vom Maschinisten und vom Gruppenführer in etwa einhundert Meter Entfernung und bei strömendem Regen das schwache Licht einer stillstehenden Stadtbahn erkannt wurde. Sofort wurde die Stadtbahn angefahren und eine Ersterkundung durchgeführt. Nach Rücksprache mit dem Lokführer stellte sich heraus, dass die Bahn aus Richtung Sinsheim-Reihen kommend mit einem in der Oberleitung hängenden, umgeknickten Baum kollidierte und sich etwa 25 Fahrgäste in dem Zug befanden. Glücklicherweise wurde durch die Kollision und die anschließende Schnellbremsung keiner der Fahrgäste verletzt. Umgehend wurde der Einsatzführungsstab im Gerätehaus über den Vorfall informiert, welcher sofort alle zur Verfügung stehenden Einheiten an die Einsatzstelle beorderte und den Vorfall der Leitstelle Heilbronn meldete. Da die Stadtbahn nicht mehr fahrbereit war, wurde vom Einsatzleiter entschieden diese an Ort und Stelle zu räumen. Dazu musste zunächst sichergestellt werden, dass die Oberleitung stromfrei geschaltet und geerdet wird, um eine Gefahr für Passagiere und Einsatzkräfte auszuschließen. Diese Aufgabe übernahm der etwa eine Stunde nach dem Unfall eingetroffene Notfallmanager der Deutschen Bahn. In der Zwischenzeit wurde der mit Gestrüpp zugewucherte Bahndamm mit Motorsägen freigeschnitten, um eine Schneise für die zu evakuierenden Personen zu schaffen. Zudem wurde die Einsatzstelle ausgeleuchtet und der DRK Ortsverein Ittlingen alarmiert, welcher die zu evakuierenden Passagiere zum Bahnhof nach Eppingen transportieren sollte. Jetzt konnte mit der Räumung begonnen werden: Über eine Steckleiter wurden die insgesamt 25 Personen (samt deren Gepäck) aus dem Zug geholt und dann anschließend über den aufgeweichten und zu Schlamm gewordenen Bahndamm bis zu den wartenden Fahrzeugen des DRK begleitet. Danach konnte die Einsatzstelle an den Notfallmanager der Deutschen Bahn übergeben und die noch verbliebenen weiteren Einsatzstellen abgearbeitet werden.

Insgesamt hatte die Feuerwehr Ittlingen von der Erstalarmierung bis zur Auflösung des Führungsstabes im Gerätehaus um kurz nach Mitternacht 13 Einsatzstellen in und rund um Ittlingen zu bewältigen. Hierunter befanden sich zusätzlich zu den bereits erwähnten Einsätzen mehr als zehn umgestürzte Bäume in allen Größenordnungen, abgebrochene Äste, verschlammte Straßen und Straßenabläufe.

Nur wenige Stunden später, um 7:40 Uhr am Samstagmorgen ertönten dann erneut die Funkmeldeempfänger. Diesmal wurde die Feuerwehr in die Straße „Berwanger Weg“ mit dem Einsatzstichwort „Windbruch“ gerufen. Mehrere durch das Unwetter umgestürzte Bäume wurden entfernt. Dabei konnte eine starke Verunreinigung der Straße durch Schlamm, welcher von oberhalb gelegenen Feldern herunter gespült wurde, festgestellt werden. Daraufhin wurde der gesamte „Berwanger Weg“ von der Feuerwehr gereinigt, um die Verkehrssicherheit wieder herzustellen.
Dabei kam es zum einem unerwarteten „Zwischenfall“: Als eine Anwohnerin ihren PKW vom Straßenrand wegfahren wollte, um Platz für die Arbeiten der Feuerwehr zu schaffen, tauchte unter dem Fahrzeug ein kleiner, bunter Papagei auf. Das Tier war sichtlich erschöpft und am Ende seiner Kräfte. Von einem weiteren Anwohner wurde ein Vogelkäfig samt Wasser und Futter bereitgestellt und der Papagei hineingesetzt. Sofort machte das Tier vom Futter- und Wasserangebot Gebrauch. Nachdem in direkter Nachbarschaft kein Besitzer ermittelt werden konnte, wurde durch die Feuerwehr die Tierrettung Unterland e.V. mit der Abholung des Tieres beauftragt. Deren Anfahrt konnte jedoch abgebrochen werden, da die Besitzer in der Zwischenzeit von Anwohnern ausfindig gemacht wurden. Parallel zu den Arbeiten im „Berwanger Weg“ wurden weitere umgestürzte Bäume entfernt und noch einige kleinere Sicherungsmaßnahmen an mehreren Gebäuden/Grundstücken durchgeführt.

Zur Mittagszeit fanden sich die Einsatzkräfte zur Stärkung in einem örtlichen Restaurant ein, man ging davon aus, dass alle durch das Unwetter bedingten Gefahrenstellen entfernt waren. Dabei wurde ein großer abgebrochener Ast in der Baumkrone der Kastanie in der Ortsmitte festgestellt, welcher herabzustürzen drohte. Als schlussendlich auch diese Gefahrenstelle beseitigt worden war, konnte gegen 15:00 Uhr die Einsatzserie beendet werden.

Mit den Einsatzstellen vom Vortag kommt die Freiwillige Feuerwehr Ittlingen auf insgesamt 21 dem Sturmtief „YAP“ geschuldeten Einsätzen. Glücklicherweise sind trotz des heftigen Unwetters keinerlei Personenschäden zu beklagen.

Für die Ittlinger Bevölkerung im Einsatz waren:

  • FF Ittlingen mit 30 Einsatzkräften und 4 Fahrzeugen
  • DRK OV Ittlingen mit 5 Einsatzkräften und 4 Fahrzeugen
  • FF Eppingen mit 6 Einsatzkräften und 2 Fahrzeugen
  • Notfallmanager Deutsche Bahn AG

Polizeirevier Eppingen